Ein Tag im Herbst

Rückenflosse einer Äsche an der Wasseroberfläche

Von Maik Wiemers

Es war ein Tag im Herbst, an dem Freude und Frust dicht beieinanderlagen. Die fischereilichen Ereignisse haben mich bis heute nicht losgelassen.

Der erste Wurf

Gegen 10 Uhr morgens betrat ich unser Vereinsgewässer. Langsames Wasser mit tiefen Riefen und Gumpen zeichnet diese Stelle aus. Ich knüpfte meine Nymphe an, holte zum ersten Wurf aus und warf sie genau dorthin, wo ich sie haben wollte. Zum Start des Angeltages fischte ich stromab und versuchte, die Nymphe mit kleinen Zupfern zu führen.

Unglaublich: Gleich beim ersten Wurf hing der erste Fisch, eine Bachforelle von ungefähr 30 Zentimetern. Zehn Würfe später konnte ich bereits vier Fische verbuchen. Doch das war nichts gegen das, was noch folgen sollte.

Leise stromauf

Nach einer gefühlten halben Stunde watete ich etwa 500 Meter stromauf. Mit dem Watstock in der Hand bewegte ich mich möglichst leise im Schatten der Bäume durchs Wasser. An meiner ausgesuchten Stelle wartete ich zunächst ungefähr zehn Minuten, bis sich im näheren Umkreis alles wieder beruhigt hatte.

In dieser Zeit wechselte ich auf ein 12er Vorfachspitzenmaterial, knüpfte eine Green Pea in Größe 10 an und passte die zusätzliche Beschwerung an Wasser und Strömung an. Vor mir lag eine etwa sieben Meter lange Riefe. Ich warf die Nymphe schräg stromauf, legte etwas lose Schnur aufs Wasser und nahm sie gleich wieder auf. So sollte die Fliege möglichst natürlich durch die Riefe treiben.

Meine Bissanzeiger waren leider aufgebraucht. Also fixierte ich gespannt die Schnur. Da war eine kurze Verzögerung. Ich schlug sofort an – und plötzlich katapultierte sich die „Mutter aller Äschen“ mit einem mächtigen Sprung aus dem Wasser.

Die Mutter aller Äschen

So etwas hatte ich noch nie gesehen. Diese Äsche war anders als alles, was ich bisher an der Leine gehabt hatte. Nach dem Sprung zog sie etwa zehn Meter stromab und stellte sich in die Strömung. Nichts, was ich mit Rute und Schnur tat, brachte den Fisch dazu, sie zu verlassen. Der Druck der Strömung auf die gespannte Schnur erzeugte ein Geräusch, das ich nie vergessen werde.

Dann schwamm die Äsche plötzlich auf mich zu. Ich musste schnell Schnur aufnehmen, um den Kontakt nicht zu verlieren. Vielleicht war das meine Chance: Ich stand in nur etwa 20 Zentimeter tiefem Wasser und wollte den Fisch von der tiefen Strömung fernhalten.

Jetzt konnte ich sie sehen. Ihre Fahne war so groß wie die mancher guten Äsche. Tatsächlich gelang es mir, sie aus der Strömung herauszuführen. Sie sauste um mich herum und wurde langsam müder. Bei dem Versuch, die Schnur von meinen Füßen fernzuhalten, fiel ich beinahe ins Wasser. Ich griff nach meinem Kescher und fragte mich bereits, wie groß und schwer dieser Fisch wohl sein mochte.

Genau in diesem Moment gab sie noch einmal richtig Gas. Ich musste Schnur nachgeben, und schon stand sie wieder in der Strömung. „Scheiße“, dachte ich. Ich erhöhte den Druck über die Schnur – ein fataler Fehler. In hohem Bogen kam mir die Nymphe entgegen. Alles war vorbei.

Der verlorene Fisch

Ich setzte mich ins Wasser und konnte es nicht fassen. Ich schätzte die Äsche auf 60 bis 65 Zentimeter. Und diese Fahne! Nach einiger Zeit machte ich mich ziemlich bedröppelt wieder auf den Weg. Ich überquerte den Fluss und fischte nur noch unkonzentriert weiter. Trotzdem konnte ich noch den einen oder anderen Fisch mit meiner Nymphe überzeugen; schöne Fische bis etwa 40 Zentimeter waren dabei.

Äsche unter Wasser zwischen Wasserpflanzen
Äsche – Aufnahme zur Veranschaulichung.

Am schnellen Gumpen

Am späteren Nachmittag, gegen 16 Uhr, erreichte ich eine meiner Lieblingsstellen. Der Gumpen ist ungefähr einen Meter tief, drei bis vier Meter breit und sechs Meter lang. Das Wasser fließt dort sehr schnell. Mit einer leichten Nymphe hat man kaum eine Chance, auf Tiefe zu kommen.

Ich legte eine Soft Hackle Hare’s Ear in Größe 10 etwa zwei Meter vor dem Gumpen an der vorderen Strömungskante aufs Wasser. Das zusätzlich beschwerte Vorfach brachte die Nymphe rasch nach unten. Ich hob die Rute, nahm Schnur auf und führte die Fliege mit kurzer Leine grundnah durch das schnelle Wasser. Meine Rutenspitze folgte der Strömung; mit den Fingern an der Schnur gab ich der Nymphe leichte Bewegungen.

Da war ein ganz zarter Kontakt. Ich hob intuitiv die Rute und merkte sofort: Das ist ein guter Fisch. Kurz darauf hatte ich eine gut genährte Äsche von 51 Zentimetern vor mir. Yes! Das gab mir neue Motivation.

Mit kühlem Kopf ließ ich die Nymphe noch drei- oder viermal an der vorderen Strömungskante auf Tiefe gehen – ohne weiteren Erfolg. Also watete ich ein Stück in den Anfang des Gumpens hinein. Ein Bein stand nun in etwa 80 bis 90 Zentimeter tiefem, stark strömendem Wasser. Von dort konnte ich den mittleren Teil befischen.

Die Bachforelle

Bachforelle unter Wasser im Profil
Bachforelle – Aufnahme zur Veranschaulichung.

Beim zweiten Durchtreiben der Nymphe hakte ich am Ende des Gumpens eine Bachforelle von ungefähr 60 Zentimetern. Der Fisch nahm den Kampf auf seine Weise auf und schoss mit großer Geschwindigkeit stromab. Ich hatte Mühe, mein Bein aus dem starken Wasser zu lösen und dabei nicht den Halt zu verlieren.

Die Forelle hatte schnell 10 bis 15 Meter zurückgelegt. Ich folgte ihr stromab. Erst nach ungefähr 50 Metern blieb sie stehen. Ich kam nur langsam hinterher; die Schnur bildete mittlerweile einen extrem spitzen Winkel. Trotzdem gelang es mir, näher an sie heranzukommen. Dann stand sie in relativ flachem Wasser vor mir. So schön war dieser Fisch – wenn ich die Augen schließe, sehe ich ihn noch immer.

Das Happy End blieb aus. Die Forelle zog weitere rund 30 Meter flussab. Dann gab es einen kräftigen Schlag und eine rollende Bewegung. Wieder flog die Nymphe in meine Richtung. Das war’s.

Ein versöhnlicher Abschluss

Nach kurzem Hadern schleppte ich mich stromauf zurück. Auf Höhe des Gumpens kam mir der Gedanke, ihn noch einmal zu befischen. Beim dritten oder vierten Durchtreiben der Nymphe, direkt in der Mitte, hakte ich erneut einen starken Fisch. Wie sich später herausstellte, war es eine Äsche von 53 Zentimetern.

Ein toller Fisch, ein toller Drill – und dieses Mal konnte ich ihn für mich entscheiden.

Äsche schwimmt unter Wasser
Äsche – Aufnahme zur Veranschaulichung.

Das war’s. Ich war satt. Dieser Angeltag konnte mir nichts mehr geben. Alles, was man sich vorstellen kann, hatte ich heute erlebt.